Autor:

Fatih Özçelik

Zurück kommen oftmals Geschichten aus der Heimat

Punkt 1: Bahnhof

Trabzon/Istanbul/Dornbirn. Ich weinte jedes Mal, wenn ich meine Familie verlassen musste. Meine Frau lebte damals bei meinem Vater und meiner Mutter. Unsere Eltern waren die Wächter über unsere Frauen und Kinder, die wir zurücklassen mussten. Es war ihnen nicht gerade recht, dass wir kaum nach der Hochzeit in so jungen Jahren die Koffer packten, um in ein Land zu gehen, dessen Sprache und Kultur uns fremd waren. Von unserem Dorf aus fuhr ich mit einem „Dolmus“ nach Trabzon, wo ich dann in einem „Otogar“ in den Bus nach Istanbul einstieg. Die Tränen kullerten mir die Wangen hinab, in Gedanken an den letzten Abend – Wir feierten ein Ritual, das Menschen, die auf eine lange Reise aufbrechen, verabschiedet. Fast das halbe Dorf war versammelt, um mich noch ein letztes Mal zu sehen und dabei um Vergebung zu bitten - „HELALLEŞMEK“ nennt sich das. Ein weiteres Abschiedsritual ist es auch, einen Krug voller Wasser hinter dem Reisenden auszuleeren. (Dieses Ritual kommt aus dem Schamanismus und wird heute noch praktiziert.) In Istanbul angekommen sind wir zum Bazar gelaufen, denn Proviant für die Reise und Köstlichkeiten aus der Türkei durften nicht fehlen. Es war schwer diese in Vorarlberg zu bekommen. Türkische Kalbswurst, Käse, Brot und Gewürze – so viel man mitnehmen konnte. Auch Türkische Literatur, ein Stück Heimat zum Lesen, war Bestandteil meines Gepäcks. Fotos und eine kleine türkische Fahne sollten mich stets daran erinnern, warum ich nach Österreich gekommen bin. Von Sirkeci/Istanbul aus begann der nächste Abschnitt meiner Reise, diesmal mit dem Zug. Die Reise wird lang, dachte ich mir, und suchte nach Menschen aus meiner Region, meinem „Hemseri“. An der Grenze angekommen schickte ich mit einem letzten Blick einen Gruß an die Heimat. Als wir am Bahnhof Thessaloniki ankamen, wurden die Züge von Soldaten umringt. Hinausblicken war nicht erlaubt, denn die Türkei und Griechenland waren damals verfeindet. Meine Aufregung ging in eine Angst über. Das erste Mal über der Grenze und schon Angst. Aber das war erst der Anfang! In den folgenden Jahren lebten wir in Angst vor der Polizei, und dass einem das Visum weggenommen wird. Diese Angst wurde auch auf die Kinder übertragen. Wir hatten auch vor dem Vermieter Angst, er hätte uns aus der Wohnung schmeißen können. Durch Wanderungsbewegungen haben sich die vielen Kulturen von ihrer nationalen Grenze gelöst, z.B. die Türkischen Tscherkessen, die damals vor etwa 150 Jahren aus Russland vertrieben wurden, flüchteten über das Schwarze Meer in die Türkei. Auch mit der Gastarbeiterwelle kamen viele nach Europa. Einer dieser eben genannten Tscherkessen ist der berühmte Schriftsteller Kundeyt Surdum.

Foto: Tamer Barbaros

Mustafa G. und sein Sohn Fazli G. am Bahnhof in Dornbirn, Vielfaltenarchiv

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