Autor:

Werner Matt

Gefragt wurden wir nicht.

Punkt 15: Siedlung Sala

Die sogenannten „Südtirolersiedlungen“ bildeten eines der großen Siedlungsprojekte in Dornbirn. Mit großzügigen Freiflächen, interessanten Durchblicken und angenehm dimensionierten Bauten entstanden Siedlungen, die qualitativ hochwertige und beinahe dörfliche Strukturen aufweisen. Die Lebensgeschichten der Bewohnerinnen und Bewohner erzählen hingegen von „tiefer Verzweiflung und unmenschlichen Konflikten bis zur Zerreißprobe.“ Gemäß den Plänen der Diktatoren Adolf Hitler und Benito Mussolini sollten die Deutschsprachigen aus Südtirol „heim ins Reich“ geholt werden. Angst vor dem faschistischen Regime des „Duce“, wirtschaftliche und soziale Not und intensive Propaganda der Nationalsozialisten bewegten den Großteil der Südtiroler Bevölkerung zur Wahl „Großdeutschland“. Die Bauten in Dornbirn waren gemeinsam mit Bregenz die ersten, bei denen noch 1939 mit der Errichtung begonnen wurde. Es folgten die restlichen damaligen Städte und die größeren Gemeinden Vorarlbergs. Allein in Dornbirn wurden 600 Wohnungen errichtet, verteilt auf 122 Häuser und vier Siedlungen. Nach dem 2. Weltkrieg machten die rund 2.000 Südtirolerinnen und Südtiroler ca. zehn Prozent der Dornbirner Einwohner aus. Sie hatten bei der Akzeptanz durch die „Einheimischen“ mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, wie nach ihnen die Zuwanderer aus Innerösterreich und die „Gastarbeiter“. Begriffe wie„Tschingolar“ und „Karrenzieher“ waren gebräuchliche Schimpfwörter für die Zugewanderten aus Südtirol.. Zwar wurden den Südtiroler Familien für damalige Verhältnisse moderne Wohnungen zugewiesen, doch das Leben der Menschen war vom nationalsozialistischen Regime bereits verplant. Die Männer wurden sofort zum Kriegsdienst eingezogen, und mussten deshalb von den Frauen in der Industrie ersetzt werden . Eine alte Dornbirner Südtirolerin erinnert sich, dass sie schon am Tag nach der Ankunft aus dem Auffanglager in Innsbruck abgeholt und zum Arbeiten in der Textilindustrie eingeteilt worden waren: „Gefragt wurden wir nicht.“

Viele Dornbirner Familien haben ihren Namen aus dem Südtirol: Auer, Ausserhofer, Baldessari, Bampi, Bertignoll, Bonell, Benvecchio, Dalpalu, De Gasperi, Detomaso, Gabrielli, Gamper, Gruber, Gutgsell, Hafner, Innerkofler, Insam, Kaneider, Kapeller, Kerer, Kuen, Leitner, Micheli, Mitterer, Mitterhofer, Mitterrutzner, Nicolussi, Nidermair, Oberegger, Oberhuber, Oberlechner, Peer, Prantl, Putzer, Rautscher, Schenk, Schwarz, Scrinzi, Stecher, Stocker, Tabarelli, Thaler, Trenkwalder, Untermazoner, Urthaler, Valersi, Vigl, Vikoler, Vinante, Volgger, Wieser u.a.m.

Foto: Tamer Barbaros

Der Dornbirner Bürgermeister warnt 1946 vor bettelnden Südtiroler Kindern.

Literatur:

Ingrid BÖHLER: Dornbirn 1914-1945. In: Werner Matt, Hanno Platzgummer (Hrsg.): Geschichte der Stadt Dornbirn. Band 2, 2002.S. 201f. Gebhard GREBER: Heiligenbilder statt Führerbilder. Zur Ansiedlung von Südtiroler Optanten in Dornbirn. In: Dornbirner Schriften, Beiträge zur Stadtkunde, Nr. 9, 1990, S. 108-123, Werner MATT: Zuerst das Notwendige ... Dornbirn von 1945 bis 2000. In: Werner Matt, Hanno Platzgummer (Hrsg.): Geschichte der Stadt Dornbirn. Band 2, 2002, S. 270.

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